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2018

Digitalität. Latenzräume einer pluralistischen Kunst- und Bildgeschichte

Tagung zum 50-jährigen Bestehen des Ulmer Verein: 22.-24. November 2018, Stuttgart 


Jubiläumstagung zum 50-jährigen Bestehen des UV

Digitalität. Latenzräume einer pluralistischen Kunst- und Bildgeschichte

Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Ulmer Verein – Verband für Kunst- und Kulturwissenschaften e.V.
Universität Stuttgart, Senatssaal / 22. bis 24. November 2018

Mit 1968 verschaffte sich eine programmatische Anklage an die Kunstgeschichte Gehör: Gefordert wurde ihre umfassende Pluralisierung, das Partizipationsrecht verschiedener Akteur*innen bei gleichzeitiger Diversifizierung der Disziplin sowie das demokratische Mitspracherecht an den Inhalten des Faches in Museen, Forschungseinrichtungen und Universitäten. Die Umsetzung dieser Forderungen wurde in den letzten 50 Jahren u. a. durch eine Ausdifferenzierung der Methodenvielfalt und der Infragestellung des tradierten kunsthistorischen Kanons, durch die Teilhabe von Studierenden und Angehörigen des Mittelbaus an der universitären Selbstverwaltung, durch die Entwicklung neuer Lehrformate und durch die Berufung von Frauen auf Professuren in Teilen umgesetzt.

Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, steht doch 50 Jahre danach das Fach vor vergleichbaren Veränderungsforderungen und Veränderungsverpflichtungen. Denn in der digitalen Gegenwart bleiben die in der Vergangenheit formulierten Vorhaben vergleichbar, verlangen aber mit latenter Dringlichkeit nach erneuter Aushandlung und methodisch-fachlicher Aktualisierung – ein Prozess, der zugleich Selbstvergewisserung als auch Neuausrichtung bedeutet. Erneut sieht ein Teil der disziplinären Kunstgeschichte die aktuellen Entwicklungen als Möglichkeit, während viele der jüngsten Welle der ‚digitalen Revolution’ mit großen Befürchtungen begegnen. Die geplante Tagung setzt an diesem Punkt – in einer bewussten Parallelisierung 1968/2018 – an. Sie fragt danach, ob die damals eingeforderten Ideale von Partizipation, Kollektivität und Diversifizierung der Vermittlungsinstrumente in den durch digitale Tools, open access policies und netzwerkbasierten Arbeitsweisen radikal vergrößerten Möglichkeitsräumen der Pluralisierung und Teilhabe ihre Erfüllung finden können. Oder ob sich im digitalen Raum – im Gegensatz zu den 1968 formulierten Idealen – nicht erst die auf asymmetrischer Abhängigkeit basierenden Herrschaftsstrukturen bei gleichzeitigem Verlust von freiheitlicher Selbstbestimmung verfestigen bzw. manifestieren. Wie steht die digitale Zukunft der Kunstgeschichte etwa zur fortschreitenden Ökonomisierung des Netzes? Und was vermag eine kritische Bildwissenschaft im Zeitalter von ‚alternativen Fakten’ und fake news zu leisten?

Die Tagung fragt nach den veränderten Zugangsmöglichkeiten, neuen Sichtbarkeiten und gewandelten Forschungsformaten, die seit der Etablierung des Internets, den großen Digitalisierungskampagnen und der Professionalisierung der digital humanities das Fach verändern. Sie möchte dabei nicht unkritisch an einer Erfolgsgeschichte der Digitalität mitschreiben, sondern bewusst auch mahnenden Stimmen Raum geben, um Zugewinn und Verlust gegeneinander abzuwägen. Dabei sollen auch die veränderten Bedingungen in der Vermittlung, der Erforschung, der Verwahrung und der Präsentation diskutiert werden. Einige der Bereiche, anhand derer im Rahmen der Tagung die Chancen, Folgen und Konsequenzen der ‚digitalen Revolution’ in den Blick genommen werden sollen, ohne sich dabei jedoch auf diese zu beschränken, lauten:

Herrschaftsraum Museum vs. digitales Depot?

Die Sektion möchte die in den 1970er Jahren maßgeblich vom Ulmer Verein initiierte Debatte um das Museum als einem Lernort in die heutige Zeit überführen. Insbesondere gilt es, die gegenwärtige Digitalisierung ganzer Museumsbestände als Chance eines demokratisch agierenden und zugänglichen Museums auszuloten. Wie kann durch neue Vermittlungsorte und -wege ein diverseres Publikum zur Teilhabe motiviert werden? Wenn die Digitalisierung eine Öffnung der Depots bedeutet, wie sehen dann die Konzepte zur Transformation der ‚verstaubten Archive’ zu interaktiven Bildspeichern aus? Gelangen dabei bisher ungesehene oder ungern gezeigte Bestände zu mehr Sichtbarkeit? Oder affirmiert der ‚digitale Kurator’ nur einen bestehenden Kanon? Wie könnten dahingehend neue Formate der Teilhabe und Formen der Einbindung von Besucherinnen über Auswahlprozesse und Narrative, z. B. in Museums-Wikis, gestaltet werden? Werden die Bestände verändert, angereichert oder auch ihre Zurschaustellung verhindert – durch die Beteiligung einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit?

Bildkompetenz 3.0

Die neuen medialen Zugriffsmöglichkeiten und Darbietungsformen erfordern ein erhöhtes Maß an Medien- und Bewertungskompetenz im Umgang mit digital zirkulierenden Bildern und Botschaften. Wie kann die Kunstgeschichte ihr methodisches Rüstzeug zur Einschätzung von Bildinhalten und -kontexten einer digitalen Gesellschaft zur Verfügung stellen? Oder läuft sie gar Gefahr, durch automatisierte Bildanalyse in manchen Feldern von Künstlicher Intelligenz ersetzt zu werden? Muss sich eine Kunst- und Bildwissenschaft vor dem Hintergrund der aktuell bestehenden Wissenschaftsskepsis oder -feindlichkeit, die sich in Begriffen wie dem "Postfaktischen" äußern und in politischen Agenden manifestieren, nicht gerade jetzt erst recht um eine Ausweitung ihrer Fachkompetenzen bemühen? Im Speziellen ihr Engagement in Bereiche wie der schulischen Ausbildung einbringen, d. h. für eine frühzeitige Vermittlung von kunsthistorischen und bildkritischen Wissen verstärkt eintreten?

Transformation, Migration, Partizipation? Digitalität als Diskursraum

Inwiefern eröffnet Digitalität die Möglichkeit einer veränderten Fachkultur? In diesem Panel sollen Formate und Modelle der digitalen Universität ebenfalls zur Sprache kommen wie Visualisierungstools, die die Disziplin mit neuen Daten versorgen und zudem einige Phänomene – etwa der Künstlermobilität – überhaupt erst rezipierbar machen. Ziel der drei Vorträge ist es, jene digitalen Techniken als entscheidende Techniken zu betrachten, die Geschichte der Kunst sowie das Fach Kunstgeschichte neu zu denken. Des Weiteren ließe sich fragen, welche Chance und Verpflichtungen, aber auch Gefahren eine offene Wissensdistribution ermöglicht, die von Förderinstitutionen durch open access policies vertreten wird? Wie verändert die ‚digitale Revolution’ die bestehende Verlagslandschaft durch eine immense Beschleunigung der Wissensprozesse und der Verbreitung von Inhalten? Wenn alles offen zur Verfügung steht, wer übernimmt die Qualitätssicherung? Und wie steht es um Autorschaft und Autorenrechte?

Zurück in die Zukunft... Kunstgeschichten 1968/2018

Mit dem Schlagwort ‚68‘ wird in vielen Wissenschaftsbereichen ein grundlegender organisatorischer, methodischer wie auch inhaltlicher Wandel und eine Infragestellung überkommener Strukturen bezeichnet. In der Kunstgeschichte sind diese strukturellen und fachlichen Veränderungen aufs engste mit der Gründung des Ulmer Vereins – Verband für Kunst- und Kulturwissenschaften e. V. verknüpft. Im Ulmer Verein gaben sich junge Kunsthistoriker*innen eine institutionelle Form, seine Gründung ist als Reaktion auf gesellschafts- und wissenschaftspolitische Kontroversen zu verstehen und von Beginn an mit Demokratisierungsbestrebungen des Faches, seiner Methoden und der Forderung nach Inklusion von Nachwuchswissenschaftler*innen sowie Studierenden verbunden. Viele der Gründungsmitglieder und Unterstützer*innen des Vereins haben während ihrer beruflichen Laufbahn mit hohem Engagement die notwendige Erweiterung der Gegenstandsbereiche des Faches, Hochschulreformthemen u. v. m. vorangetrieben, eine Anstrengung, die seither die Vereinsarbeit prägt und deren Aktualität anlässlich des 50-jährigen Bestehens befragt werden soll. Ziel aber ist keine nostalgische Rückschau, sondern – im Sinne des Gründungsgedankens – eine kritische Auseinandersetzung über den digitalen Status quo der kunst- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen und ihrer Institutionen in der Gegenwart und für die Zukunft.

Podiumsdiskussion: #Partizipation!

Bietet Digitalität die Möglichkeit, die kunsthistorische Fachkultur weiterhin progressiv zu verändern? Die Podiumsdiskussion wird unmittelbar an das Panel „Transformation, Migration, Partizipation? Digitalität als Diskursraum“ anschließen. Ausgangspunkt sind die seit letztem Jahr durch Netzaktivist*innen sowie Kulturarbeiter*innen neuerlich thematisierten Exklusionsmechanismen des Kulturbetriebs. Der unter dem Hashtag WeAreNotSurprised veröffentlichte Brief hat deutlich gemacht, dass hier noch immer dringend strukturelle Veränderungen nötig sind. Zur Frage der bereits geleisteten und wünschenswerten Veränderungen des Faches Kunstgeschichte werden drei Generationen von Kunsthistorikerinnen diskutieren: Inwiefern das Projekt einer Diversifizierung des Faches Kunstgeschichte mit digitalen Mitteln vorangetrieben werden könnte, soll ebenso thematisiert werden wie Ideale und Momente des Scheiterns von Partizipation.


 

PROGRAMM

Donnerstag, 22. 11. 2018
 
15.30h Beginn der Tagung: Grußwort (Daniela Bohde); Begrüßung / Einführung (Moderation: Ann-Kathrin Hubrich)
Erste Sektion: Herrschaftsraum Museum vs. digitales Depot?

15.45–16.15h: Lukas Fuchsgruber: Was kann Digitalität fürs Museum und was nicht? Das Fallbeispiel digitale Rekonstruktion
 
16.15–16.45h: Ralph Knickmeier: Lernort contra Erlebnistempel: Das (digitale) Museum zwischen Überforderung und Entgrenzung
 
16.45h bis 17.00h Kaffeepause
 
17.00–17.30h: Yvonne Zindel: Revisiting Collections – Transformationen der Kulturellen Bildung am Beispiel der digitalen Vermittlung von außereuropäischen, ethnologischen Sammlungen
 
17.30–18.15h: Respondenz / Diskussion
 
18.15–18.30h: Einführung
 
18.30h–19.00h: Matthias Bruhn:
50 Jahre Künstliche Intelligenz. Eine Auswertung
 
19.00–19.45h: Margarete Pratschke: Gegen den Strom? Vom langen elektronischen Sommer der Kunstgeschichte
 
Anschliessend Diskussion
 
20.30h: Empfang
 
Freitag, 23. 11. 2018
 
9.30h Begrüßung / Einführung (Moderation: Henrike Haug)
Zweite Sektion: Bildkompetenz 3.0

9.45–10.15h: Ralph-Miklas Dobler: Digitalisierung als Glücksfall für Kunst- und Bildgeschichte
 
10.15–10.45h: Vera Dünkel und Antje Kempe: Bild – Bilden – Bildung. Zur Vermittlung von Bildkompetenzen in Schulen
 
10.45h bis 11h Kaffeepause
 
10.45–11.15h: Lisa Berg: Zur Bedeutung kunsthistorischer Methoden für die Einschätzung von Bildinhalten und -kontexten am Beispiel von Kunstzerstörung
 
11.15–12.00h Respondenz / Diskussion
 
12.00h bis 14.00h Mittagspause
 
14.00h Begrüßung / Einführung (Moderation: Yvonne Schweizer) Dritte Sektion: Transformation, Migration, Partizipation? Das Digitale als Diskursraum

14.15–14.45h: Brigitte Sölch: Architektur und Architekturgeschichte(n). Partizipation auf dem Prüfstand
 
14.45–15.15h: Harald Klinke: Wie die Digitale Transformation das Fach Kunstgeschichte verändert
 
15.15–15.45h: Respondenz / Diskussion
 
15.45h bis 16:00h Kaffeepause
 
16.00–16.45h: Burcu Dogramaci: Migration, Kunstgeschichte und Chancen des Digitalen
 
16.45–18.00h: Podiumsdiskussion: #Partizipation!
Es diskutieren Irene Below, Lee Chichester, Burcu Dogramaci, Änne Söll
 
Samstag, 24.11.2018
 
9.30h Begrüßung / Einführung (Moderation: Henry Kaap)
Vierte Sektion: Zurück in die Zukunft... Kunstgeschichten 1968/2018
 
9.45–10.15h: Thorsten Schneider: Latenzen zwischen Kunstwissenschaft und Weltanschauung
 
10.15–10.45h: Birte Kleine-Benne: „We’ll need to rethink a few things...“ Zur Kunst der nächsten Gesellschaft/en
 
10.45h bis 11.00h Kaffeepause
 
11.00–12.30h: Abschlussdiskussion und Workshop zu Schwerpunkten der künftigen Vereinsarbeit
Kontakt
Postanschrift

Ulmer Verein - Verband für Kunst- und Kulturwissenschaften e.V.

c/o Institut für Kunst- und Bildgeschichte
Humboldt-Universität zu Berlin
Unter den Linden 6
10099 Berlin